Mittwoch, 14. November 2018
REISEfieber
SCHWEIZ - Wandern im Gletscherland Wallis

Dem Geheimnis der Suonen auf der Spur

Der Aletschgletscher


Gletscher sind wichtige Speicher im Wasserkreislauf. Das Schmelzwasser des Schweizer Aletschgletschers, des längsten Eisstroms und größten Süßwasser-Reservoirs der Alpen, ersetzt während des Sommers die fehlenden Niederschläge. Seit Jahrhunderten führen die Walliser mit Hilfe von Suonen das Gletscherwasser auf trockene Wiesen- und Weidehänge. Ohne diese Kanäle, die das kostbare Wasser auf zum Teil abenteuerliche Art und Weise - auf Holzgerüsten und in steile Felswände geschlagen - ans Ziel tragen, wären große Teile der Walliser Bergregion buchstäblich vertrocknet.


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WANDERN ENTLANG DES "HEILIGENWASSERS"

Wasser gibt es zwar reichlich im Schweizer Gletscherland Wallis, doch ist es nicht unbedingt gleichmäßig verteilt. Der Aletschgletscher ist der bedeutendste Wasserspeicher der Alpen, und wenn es in trockenen Sommern kaum regnet, dann ist es sein Schmelzwasser, das für willkommenen Ausgleich sorgt. Der Eisgigant ist mit seiner 23 Kilometer langen Gletscherstraße der längste Eisstrom der Alpen. An seiner dicksten Stelle misst er 900 Meter. Dabei dauert es zehn Jahre, bis aus einem Meter Neuschnee ein Zentimeter Gletschereis wird. Würde man den ganzen Gletscher abtauen, könnte mit seinem Schmelzwasser die gesamte Erdbevölkerung sechs Jahre lang jeden Tag mit einem Liter Wasser versorgt werden. Im Jahr 2001 hat die UNESCO das Gletschergebiet als erste Region in den Alpen überhaupt unter Welterbeschutz gestellt. Hier ist auch Edelbert "Ed" Kummers Heimat. Der 79-jährige "Wanderführer im Unruhe(zu)stand", wie er selbst sagt, führt von Mai bis Ende Oktober wöchentlich auf den Spuren der mittelalterlichen Wasserwege zur Massaschlucht. "Eine beeindruckende Tour", so Kummer. "Der Weg zeigt auf, wie die Menschen hier in früheren Generationen in schwierigem Gelände mit tiefen Schluchten das Wasser geholt haben." Und es zeigt, dass Wassernot erfinderisch macht! ...


DIE SUONEN

Ed Kummer zeigt auf ausgehöhlte Baumstämme, die hintereinandergereiht am steilen Fels entlanglaufen. Abenteuerliche Konstruktionen, clever ausgetüftelt, technisch ausgereift. Dort, wo der Weg breit genug ist, münden sie in Wassergräben. Suonen werden diese Leitungen im Wallis genannt. Die traditionellen Wasserfuhren sind uraltes Kulturgut und menschliche Meisterwerke. Oft kühn an steilen Berghängen angelegt, reicht ihre Konstruktion mehr als 1.000 Jahre zurück. Die "Bisses", so ihr französischer Name, durchziehen das Land wie Blutbahnen den menschlichen Körper. "Ohne Bewässerung würde hier kaum etwas wachsen", erzählt Kummer. "Heilige Wasser" werden die Kanäle daher von alters her genannt. Neben der Bewässerung dienten die Suonen auch zur Trinkwasserversorgung für Mensch und Vieh, zum Waschen und zum Ausbringen von Mist. Die Verwaltung der Leitungen oblag dem Wasservogt. Er veranlasste Reparaturen an den Wasserleitungen und überwachte die Arbeiten daran, denn durch Lawinen, Erdrutsche oder Steinschläge zerstörte Abschnitte mussten schnell wieder repariert werden. Der Wasserhüter - der sogenannte Sander - stand ihm zur Seite. Die mit dem Bau und Betrieb der Suonen beschäftigten Arbeiter genossen hohes Ansehen bei der Bergbevölkerung, denn das Leitungsnetz warüberlebenswichtig für sie. Der Bau und der Unterhalt der Kanäle war jedoch äußerst gefährlich. ...


DIE SUONEN BRINGEN NEUES LEBEN

Noch heute erstreckt sich dieses ganz besondere Wasseradernetz im Wallis über eine Länge von fast 2.000 Kilometern. Inzwischen wird es auch touristisch genutzt. Schließlich werden die Wasserläufe von Wegen gesäumt, die durch landschaftlich reizvolle, abgeschiedene Hochtäler und spektakuläre Schluchten führen. Entlang der Suonen entwickelte sich über die Jahrhunderte eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt. Ein weiterer Vorteil: Die Pfade, die dem Lauf des Wassers folgen, sind meist flach - sie machen wenig anstrengende Wanderungen in Höhenlagen möglich. "Wer schwindelfrei ist, kann den Oberriederi-Suonenweg erkunden. Das ist eine relativ wenig begangene Strecke, die über besonders exponierte Passagen führt. Die Route trägt den Namen "Knebelbrückenweg", da sie über mehrere kleine Brücken aus Holzknebeln führt. Auf dem heutigen, im Jahr 1996 eröffnetenMassaweg wandert Kummer häufig mit seinen Gruppen. Es ist der bekannteste Suonenweg der Aletsch Arena. Hier gab es die Riederi, eine um das Riederhorn führende, sechs Kilometer lange Leitung, die von 1385 bis 1940 das Gletscherwasser transportierte und so die Bewässerung der Wiesen an den Südflanken des Riederhorns sicherstellte. Seit 1946 fließt das Gletscherwasser durch einen drei Kilometer langen Tunnel auf die dürstenden Wiesen der Bergbauern. "Das Wasser vom Gletscher ist milchig und so nahrhaft, dass die Menschen hier oben keine Sorge mehr vor Ernteausfällen haben mussten", erzählt Kummer. "Die Südhänge können bei uns sehr trocken sein. In früheren Zeiten kam es in der Aletsch Arena immer wieder zu dramatischen Ernteausfällen und schlechter Heuernte." ...


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